Klimawandel, Migration und Wirtschaft

Geldrücküberweisungen

Gewöhnlich verlässt nicht eine gesamte Familie den Heimatort, wenn Menschen aufgrund von Umwelteinflüssen oder der wirtschaftlichen Situation gezwungen sind, sich den neuen Lebensumständen anzupassen. Häufig wird nur ein Familienmitglied in ferne Städte geschickt, wohin es bereits Bekannte und Verwandte verschlagen hat, die dem Neuankömmling bei der Wohnungs- und Jobsuche helfen können. Die Migranten senden das dort verdiente Geld an die zurückgebliebene Familie, um ihnen ein Leben in der Heimat zu ermöglichen. Diese Rücküberweisungen bezeichnet man als Remittances.(Thompson Reuters Foundation, 2012).

 

Von den Geldrücküberweisungen profitieren nicht nur die direkten Empfänger, sondern auch häufig die gesamte Gemeinde. Familien geben das Geld meist vor Ort aus und unterstützen auf diese Art und Weise die lokale Wirtschaft. Jedoch können es sich die Ärmsten der Gemeinde oft nicht leisten, ein Familienmitglied davon ziehen zu lassen. Sie profitieren kaum von Geldrücküberweisungen an die anderen Gemeindemitglieder. Die Dörfer und Gemeinden sollten daher laut ICIMOD (2011) auch Förderungen für jene Gemeindemitglieder bereit halten, die keine Gelder von Verwandten und Freunden bekommen, um langfristig die ökonomische Situation zu stärken.


Bereits 2012 überwiesen Migranten ca. $ 401 Milliarden jährlich an Verwandte und Freunde in der Heimat um sie zu unterstützen, wobei der Großteil der Summe in asiatische Länder (allen voran Indien) fließt. Dieser Betrag, so wird geschätzt, wird jährlich bis 2015 um rund acht Prozent steigen. (World Bank, 2013)


Geldrücküberweisungen stellen eine sichere Einkommensquelle für die Zurückgebliebenen dar. Diese Einkommensquelle besteht unabhängig von Naturkatastrophen oder Umweltveränderungen und mindert damit das Risiko, dass die Familie kein Einkommen mehr hat, deutlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Familie an die veränderten Umweltbedingungen anpasst oder nach einer Naturkatastrophe vor Ort wieder neu anfängt, steigt rapide, wenn sie die finanziellen Mittel, soziale und Humanressourcen haben, über (bevor)stehende Umwelteinflüsse informiert werden und bereits eine Infrastruktur besteht. Geldüberweisungen von Familienmitgliedern, die migriert sind, können hier einen wesentlichen positiven Beitrag leisten (ICIMOD, 2011)

 

Eine Studie von 2012 von Mohapatra, Joseph und Ratha zeigt deutlich auf, dass Geldüberweisungen anstiegen, wenn es in der Heimat eine Naturkatastrophe gegeben hat (viel stärker als bei Konflikten und Kriegen). Die Wirkung dieses Geldflusses auf das Heimatland hängt wesentlich von der Größe der ausländischen Diaspora ab: Wenn die Diaspora bereits 10% der heimischen Bevölkerung ausmacht, kann das BIP im selben Jahr um bis zu 0,5% ansteigen, wenn nur 1% der Bevölkerung von der Naturkatastrophe betroffen war. (Giulia Bettin und Alberto Zazzaro, 2012)

Einige Beispiele

In Bangladesch und Indien verlieren zunehmend mehr Familien ihr Ackerland aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels und der Versalzung der Strände und Ufer. Viele Familien wollen ihr eigenes Land nicht einfach aufgeben. Sie lassen mindestens ein Familienmitglied zurück um ihren Grundstücksanspruch nicht zu verlieren, falls das Land doch nicht untergeht. (Thompson Reuters Foundation, 2012)

 

In der Himalaya-Region sind Geldrücküberweisungen ein wichtiger Beitrag zum gesamten Haushaltseinkommen. Mit dem Geld werden hauptsächlich Grundbedürfnisse gestillt (Nahrung, Unterkunft, Konsumgüter). Während und nach Katastrophen (wie z.B. Überflutungen) tragen diese Gelder wesentlich zur Ersthilfe bei, um den Betroffenen schnell mit Nahrungsmitteln und einem Dach über dem Kopf zu helfen. Nach solchen Naturkatastrophen trugen Geldüberweisungen wesentlich zu einem schnellen Wiederaufbau bei (Wiederaufbau von Häusern, Kosten für Gesundheit, Kauf von Küchenutensilien, etc.). Daneben werden die Gelder auch zur Vorsorge genutzt: Bewässerungsanlagen in dürreanfälligen Gegenden werden gebaut, Familien kaufen sich Boote, wenn sie häufiger von Überflutungen heimgesucht werden. (ICIMOD, 2011)

 

In Nepal hatten Geldrücküberweisungen an Verwandte auf dem Land im Hochland des Himalayas einen positiven Einfluss auf die dortige ländliche Wirtschaft. Aufgrund der Überweisungen erhöhten sich die lokalen Löhne und Einkommen, jedoch sanken die Preise für Grundstückseigentum. (Sailesh Tiwari und Keshav Bhattarai, 2011)

Auf Haiti sollen, wenn es nach dem Climate Change at Multilateral Investment Fund (MIF) geht, Rücküberweisungen zukünftig zur Finanzierung von solarbetriebenen Maschinen und Geräten genutzt werden. Ausgewanderte Familienmitglieder können dann über MIF direkt ein Gerät / eine Maschine finanzieren (YouTube: Climate change > Remittances bring clean energy to Haiti, 2010)

 

In Westafrika tragen Geldüberweisungen wesentlich zur Stabilität der gesamten Volkswirtschaft von Ländern bei, die besonders von Schwankungen des Niederschlages betroffen sind. Wetterkatastrophen und sinkende Niederschläge haben negative Folgen auf das Pro-Kopf-BIP. Geldüberweisungen aus dem Ausland haben dabei eine antizyklische Wirkung. (Cécile Couharde, Junior Davis, Rémi Generoso, 2011)

 

Im Pazifik trugen Geldüberweisungen wesentlich dazu bei, dass die Wirtschaft nach den Überflutungen und Stürmen von Zyklon Evan nicht zusammenbrach:

 

Herkunft der Gelder

Allerdings sollte auch bedacht werden, wie diese Gelder für eine Überweisung generiert werden. Viele arbeiten für Niedriglöhne in Großstädten und leben in Slums. Sie tragen damit auch zur Urbanisierung bei.

 

In Nepal werden Töchter gezwungen ins Ausland (häufig nach Indien) zu gehen. Vor allem in Bombay stammen viele Prostituierte ursprünglich aus armen Dörfern in Nepal, wo zahlreiche Missernten Familien zwangen ein Kind „als zusätzliche Einkommensquelle“ für die anderen zu opfern (Bartlett, 2008) (siehe auch Kinder)

(27.01.2014, Aha)


Quellen


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