Staudammbau

Bisher wurden mehr als 45 000 Dämme weltweit gebaut. 60% der Hauptflüsse weltweit werden bereits gedämmt (Sophie Namy, 2007).

In der Vergangenheit konnten Staudämme häufig ohne großes öffentliches Aufsehen geplant und errichtet werden. Ganz im Gegensatz zu damals steht deren Bau heute zunehmend unter Kritik.

Historischer Rückblick

Dämme ermöglichten es großen Imperien, wie dem Alten Ägypten, die so kostbare Ressource Wasser zu kontrollieren. So konnten sie ihre Macht und ihren Einfluss noch stärker als zuvor ausbauen, da jeder ihrer Untergebenen vom Wasser abhängig war. Durch Dämme konnten Imperien außerdem …

  •  die Landwirtschaft vom Niederschlag relativ unabhängig betreiben,
  •  andere Wirtschaftszweige weiter fördern und
  • die Wasserversorgung der eigenen Bevölkerung sichern.

Der erste Damm zur Erzeugung von Strom wurde 1890 in den USA fertiggestellt (siehe Encyclopedia).

Bis 1949 wurden ungefähr 5000 große Dämme gebaut, davon drei Viertel in der industrialisierten Welt. Unter großen Dämmen versteht man dabei Dämme mit einer Staumauer ab 15 Metern Höhe bzw. Dämme mit einer niedrigeren Staumauer, jedoch mit dem gleichen Fassungsvolumen wie ein großer Damm.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche neue Dammprojekte geplant und durchgeführt. Der Bau eines Damms dauerte zwischen 5 bis 10 Jahren an. Am Ende des 20. Jahrhunderts waren bereits mehr als 45 000 Dämme in 140 Ländern gebaut wurden. China baute von jenen allein 22 000. In Asien (ohne China), dem Kontinent mit den meisten Dämmen, wurden insgesamt 10 000 Dämme gebaut. Das durchschnittliche Alter eines heutigen Dammes beträgt 35 Jahre.

 

Aufgrund des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums vor allem in Entwicklungsländern steigt der Wasserbedarf rapide an. Wasserressourcen sind weltweit sehr unterschiedlich verteilt. Zunehmend mehr Menschen verlassen aufgrund von Dürren und Überschwemmungen ihre ländliche Heimat und suchen in Städten nach einer neuen Lebensgrundlage. Die steigende Urbanisierung sorgt außerdem für einen erhöhten Bedarf an Trinkwasser. Dämme könnten hier die Lösung für verschiedene Probleme sein .


Zweck und Einsatzmöglichkeiten von Dämmen

Dämme wurden und werden zu unterschiedlichen Zwecken gebaut, die teilweise gleichzeitig bei einem Dammprojekt anzutreffen sind:

  • Wasserversorgung und Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen, industriellen Anlagen und privaten Haushalten (nur 12% der Dämme weltweit werden hauptsächlich zu diesem Zweck gebaut)
  • Energiegewinnung aus Wasserkraft (weltweit werden 19% der notwendigen Energie durch Dämme in 140 Ländern gewonnen), die gewonnene Energie wird oft als saubere, kostengünstige und erneuerbare Form der Energiegewinnung beworben
  • Flutkontrolle (ca. 13% der großen Dämme weltweit dienen dem Flutmanagement), jedoch können Dämme nur die jährlichen regulär auftretenden Fluten kontrollieren, unerwartete, plötzlich auftretende große Flutwellen können nicht zurückgehalten werden (siehe Überschwemmungen).

Laut WCD müssen folgende Punkte bei der Planung von jedem Dammprojekt beachtet werden:

  • Ökonomische Realisierbarkeit des Projekts: oft werden die geplanten Kosten um die Hälfte überschritten (ADB and Dams, 2005)
  • Soziale Gerechtigkeit: bereits benachteiligte Bevölkerungsgruppen dürfen nicht zusätzlich marginalisiert/diskriminiert werden
  • Nachhaltige Entwicklung der Umwelt

 

Laut WCD (2000) muss bei einem Dammbauprojekt stets abgewogen werden, ob die geplanten Vorteile nicht auch durch Alternativlösungen erreicht werden können. Zu diesen Vorteilen gehören:

  • Regionale Entwicklung
  • Schaffung von Arbeitsplätzen, vor allem weniger qualifizierte Arbeitskräfte finden eine Anstellung
  • Entwicklung von Exportgütern (Export von Strom oder eigenen Produkten, deren Herstellung große Energiemengen verbraucht)

Nachteile von Dämmen

Die möglichen Vorteile stehen heutzutage immer häufiger unter Beobachtung. Vor allem die sozialen und ökologischen Faktoren wurden in der Vergangenheit häufig vernachlässigt.

a) Soziale Faktoren

1. Umsiedlungen von bisher 40 bis 80 Millionen Menschen insgesamt:

Zu den Betroffenen zählen meist hauptsächlich die ärmsten und schutzbedürftigsten Gruppen

  •  Minderheiten
  • Urvölker
  • Frauen

Folgen:

  •  Verlust des Zuhauses
  • Enteignung
  • Beschneidung von Grundrechten
  • Verlust des kulturellen Erbes, Wissens, Kultstätten und so Verlust der kulturellen Identität
  • Fehlende Kompensation für alle Betroffenen

2. Umsiedlung in neue Gebiete, in denen ..

  • Land bereits vergeben ist
  • Die jeweilige Kultur nicht mehr ausgelebt werden kann

3. Beeinflussung/Beschneidung von existierenden Rechten und Zugängen zu Wasser

 

4. Gemeinschaften am Flussunterlauf

  • werden von dem veränderten Wasserzulauf (negativ) beeinflusst
  • kontrollierte und ungeplante Öffnungen des Dammes gefährden das Leben der Uferbewohner

5. Negative Folgen auf die Gesundheit:

 

  • hinter den Dämmen entwickeln sich besonders Krankheiten wie Malaria und Cholera aus
  • psychische (und teils auch körperliche) negative Folgen aufgrund der Umsiedlung

6. Arbeitslosigkeit

  • Keine Arbeitsmöglichkeiten in der „neuen Heimat“
  • nur kurzfristige Arbeit für die Staudammarbeiter, danach sind sie oft arbeitslos (ADB and Dams, 2005)

 


b) Ökologische Faktoren

Talsperre Carlsfeld-Weiterswiese (Erzgebirge)                             © Sascha Wiener
Talsperre Carlsfeld-Weiterswiese (Erzgebirge) © Sascha Wiener

1. Strukturelle Veränderung von Flussläufen

  • Veränderung der Vegetation im Flussbett
  • Veränderung von Fischmigrationsrouten
  • Bei gleichzeitiger Umleitung von Flüssen: Austrocknung von alten Flussläufen und so Verarmung der Flora und Fauna dieser Region

2. Verlust von landwirtschaftlichen Flächen, Fischbeständen, Feuchtgebieten und Grasland

 

3. Verlust von Vegetation und Biodiversität

 

4. Ausstoß von Treibhausgasen:

Die überflutete Vegetation verrottet unter Wasser. Außerdem wachsen neue Pflanzen unter der Wasseroberfläche. So werden ständig Treibhausgase produziert und über die Wasseroberfläche abgegeben und tragen so zur gloablen Erwärmung zu einer sinkenden Wasserqualität bei.

 

5. In Dämmen können über Wasser übertragene Krankheiten leicht gedeihen. Der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid und Methan ist besonders hoch bei Dämmen im tropischen Tiefland.

 

6. Kontrollierte und ungeplante Öffnungen des Dammes verändern abrupt die Qualität des Wasserbestandes, die jahreszeitliche Fisch- und Tiermigration und zerstören Vegetation.

a) und b) sind eine Zusammenstellung aus:

ADB and Dams, 2005; Sophie Namy, 2007; WCD, 2000; NZZ, 13.09.2012

 


Schlussfolgerung

Aufgrund der sozialen und ökologischen negativen Folgen ist der Bau von Dämmen in Kritik geraten (zum Beispiel wurde der Bau der Drei-Schluchten-Talsperre in China stark kritisiert, der Bau des Belo Monte Dammes in Brasilien wurde aufgrund von jahrelangen Protesten 2012 erneut verschoben).

Laut WCD (2000) liegt das vor allem an dem größeren Wissen und der gestiegenen Erfahrung mit Dämmen. Während große Projekt zuvor nur von Politik und Wirtschaft beschlossen wurden, wird heutzutage viel mehr auf soziale und ökologische Faktoren und Nachhaltigkeit geachtet. Die Entscheidungen und der gesamte Entscheidungsprozess sind transparenter und offener geworden. Es werden schon früh zusätzliche Akteure und mögliche Betroffene in den Entscheidungsprozess einbezogen (im Idealfall).

 

Große Entwicklungsprojekte, wie ein Staudammbau, führen häufig zu einer unverhältnismäßig großen Umsiedlungsaktion von hunderten, wenn nicht sogar Millionen Menschen.

Allein zwischen 1986 und 1993 wurden 32 Millionen Menschen aufgrund von Staudammkonstruktionen vertrieben (UNEP).

Die Drei-Schluchten-Talsperre in China verursachte eine Umsiedlung von zwei bis sechs Millionen Menschen (Amnesty International). Die Assam Fluten (Indien), ausgelöst durch die Öffnung von Staudämmen, führten 2011 dazu, dass 570 000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben wurden (iDMC, 2011).

Außerdem sind Gemeinschaften, die direkt am unteren Flusslauf wohnen und leben, von der veränderten Wasserzufuhr und sich verändernden Flora und Fauna betroffen.

 

Direkt und indirekt Betroffene des Staudammbaus leiden unter der sich verändernden Umwelt. Direkt Betroffene (ihr Siedlungsgebiet wird überschwemmt) müssen migrieren, indirekt Betroffene (am Flusslauf Lebende) müssen sich entweder an die sich verändernde Umwelt anpassen oder auch sie migrieren in andere Gebiete.

 

(25.09.2012, Aha)


Quellen:

Fachpublikationen:

 

Medienberichte:

 

Websites:


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